Anlässlich eines kurzen wissenschaftlichen Besuchs von Professor Jin Shi, dem Leiter des Fachbereichs Mathematik der Shanghai Jiao Tong University, an der RWTH Aachen stattete Li Shiyuan, Generalsekretär des SJTU Alumni-Vereins Deutschland, Professor Jin Shi am 30. Januar 2013 im Namen des Vereins am Institute of Modeling and Simulation der Hochschule einen Besuch ab. Er stellte ihm kurz das erste Bestehensjahr des Vereins vor und führte zugleich ein kurzes Interview mit Professor Jin Shi über akademisches Wachstum, die Rückkehr nach China zur beruflichen Entwicklung sowie den Aufbau des Fachbereichs Mathematik der SJTU. Im Folgenden finden Sie die aufbereiteten Kernpunkte des Interviews zur Anregung und als Anhaltspunkt für alle.

Über akademisches Wachstum

Frage: Warum haben Sie sich für die wissenschaftliche Forschung an der Hochschule entschieden und sind nicht anderswohin gegangen? Jin: Ich interessiere mich sehr für die mathematische Forschung selbst, und während meines Praktikums in einem Unternehmen hatte ich das Gefühl, dort nicht so frei wie an der Hochschule an dem arbeiten zu können, woran ich arbeiten möchte. Ich forsche eben lieber in Freiheit. Frage: Finden Sie nicht, dass die Forschungsarbeit voller Mühsal ist, oder haben Sie von Natur aus ein Gespür für Mathematik? Jin: Nach längerem Studium empfindet man keine Langeweile mehr, wenn man ein Fachproblem wirklich verstanden hat. Mein Interesse am Fach war auch nicht angeboren; während des Studiums wusste ich noch nicht, wie ich später wählen sollte, doch später bin ich aufgrund des Interesses und zugleich einer nicht allzu schlechten Begabung einfach immer weiter dabeigeblieben. Frage: Wie schlägt man nach der Promotion den Weg zur eigenständigen Forschung ein? Jin: In der Promotionsphase arbeitet man vor allem unter Anleitung des Betreuers; der Betreuer gibt die Richtung vor, und man führt die Forschungsarbeit aus. Für einen frisch promovierten Doktor ist es dagegen im Allgemeinen schwierig, eigenständig Projekte zu beantragen und zu erforschen. Die mehrjährige Postdoc-Arbeit ist an sich ein Prozess der Erweiterung der Richtung und der Steigerung der Fähigkeiten; zugleich kann man dem Grundsatz „halb und halb“ folgen, das heißt: Wenn man auf der Grundlage der bisherigen Forschungsrichtung eine neue Forschungsrichtung erlernen kann, ist das langfristig sehr vorteilhaft, denn so kann man den Horizont erweitern und einige Jahre später neue Ideen und Anregungen für die ursprüngliche Promotionsrichtung gewinnen.

Über die Rückkehr nach China zur beruflichen Entwicklung

Frage: Wann sollten junge Wissenschaftler Ihrer Meinung nach nach dem Abschluss am besten nach China zurückkehren? Jin: Das muss man nach den persönlichen Umständen entscheiden. Für junge Menschen legen gute inländische Hochschulen im Allgemeinen Wert auf drei Jahre Forschungserfahrung nach der Promotion; das ist auch eine Voraussetzung des Programms „Junge Tausend Talente“. Natürlich muss man Familie und die Bildung der Kinder bedenken. Wenn die Kinder im Ausland noch vor der dritten oder vierten Grundschulklasse sind, können sie sich, während Sie zur beruflichen Entwicklung nach China zurückkehren, ebenfalls rasch an das inländische Bildungssystem anpassen. Später muss man über die Bildung der Kinder ernsthaft nachdenken, denn das ist schließlich ein wichtiger Faktor. In China gibt es auch Fremdsprachenschulen, deren Gebühren jedoch recht hoch sind. Persönlich meine ich: Wenn man schon nach China zurückkehrt, sollten die Kinder in die Hauptgesellschaft eintauchen und ein breites soziales Netzwerk aufbauen, statt ständig mit einigen aus dem Ausland zurückgekehrten Kindern zusammen zu sein, die den ganzen Tag Fremdsprachen sprechen. Wenn die Kinder allerdings schon studieren, gibt es überhaupt keine Sorgen mehr. Chinas Entwicklung und Markt werden künftig eine zunehmend wichtige Stellung einnehmen; wenn die Kinder sowohl die chinesische als auch die westliche Kultur recht gut kennen, ist das auch für ihre spätere Entwicklung von Vorteil. Frage: Wie sollten Ihrer Meinung nach Promovierte den Weg der Rückkehr nach China zur beruflichen Entwicklung wählen? Jin: Man muss sich nach den persönlichen Interessen richten, und verschiedene Menschen haben sicherlich unterschiedliche Interessen; mit dem Bereich der Unternehmensgründung kenne ich mich nicht aus. Was die Forschung betrifft, so fehlt es dem Forschungsniveau chinesischer Unternehmen derzeit im Vergleich zu Deutschland oder den USA noch an Innovativem. Wer an akademischer Entwicklung interessiert ist, für den sind die erstklassigen Hochschulen im Inland oder das System der Chinesischen Akademie der Wissenschaften vergleichsweise gute Optionen. Frage: Wählen die meisten Mathematik-Promovierten die wissenschaftliche Forschung, weil naturwissenschaftliche Fächer wie dieses ein weniger breites Berufsfeld haben als ingenieurwissenschaftliche? Jin: Auch die Mathematik hat viele Anwendungsgebiete, etwa Finanzwesen, Aktienmarkt und verschiedene Ingenieurbereiche. Der Vortrag, den ich diesmal halte, handelt beispielsweise von der Ausbreitung von Wellen in porösen Medien, was in Bereichen wie Erdbeben und Rohstofferkundung angewandt werden kann. Was meine Studierenden betrifft, so entscheidet sich die Mehrheit weiterhin dafür, an der Hochschule zu bleiben; dieser Weg ist auch vergleichsweise stabil, und man kann nach eigenem Interesse die Themen wählen, die einem gefallen.

Über den Fachbereich Mathematik der SJTU und die Gewinnung von Talenten

Frage: Wie steht es in den letzten Jahren um die Entwicklung der Naturwissenschaften an der SJTU? Legt die Hochschule neben hochkarätigen Talenten wie Ihnen auch Wert auf die Gewinnung junger Talente? Jin: In den letzten Jahren haben sich Mathematik und Physik sehr rasch entwickelt. Allein im Fachbereich Mathematik wurden in drei Jahren über 20 im Ausland tätige Wissenschaftler gewonnen; es wurden viele junge Talente gewonnen und neue Fachrichtungen ausgebaut. Vom staatlichen Programm „Junge Tausend Talente“ bis zum SJTU-eigenen Programm für besondere Forscher – all das bietet Talenten aus dem Ausland sehr gute Anschubfinanzierung und Lebensbedingungen. Es muss nicht unbedingt eine Hochschule wie die SJTU sein; auch Hochschulen unterschiedlicher Stufen oder Hochschulen der Binnenprovinzen setzen sich vergleichsweise stark ein, und der Staat legt auch großen Wert auf die Unterstützung der Hochschulen in den Binnenprovinzen. Frage: Wie erhalten junge Lehrkräfte finanzielle Unterstützung, um Forschung zu betreiben? Jin: Zum einen gibt es beim Nationalen Naturwissenschaftlichen Fonds einen speziellen Jugendfonds, der sich vor allem an junge Lehrkräfte richtet, die frisch promoviert sind oder einige Jahre Postdoc-Erfahrung haben, und sie dabei unterstützt, eigenständig Forschungsarbeit zu leisten. Die SJTU hat zudem Fonds für besondere Forscher oder außerordentliche Forscher; auch das ist eine Option zur Forschungsförderung. Frage: Legt die Gewinnung junger Talente Wert auf die Gewinnung in den bestehenden Fachrichtungen, oder werden auch bisher nicht vorhandene Fachrichtungen eingeführt? Jin: Es ist nicht unbedingt so, dass man nur dort gewinnt, wo bereits eine Richtung besteht; nicht wenige unserer jungen Talente haben nach ihrer Rückkehr neue Fachrichtungen erschlossen. Entscheidend sind der Werdegang und die Qualität der Person. Fachbereiche wie Mathematik oder Physik an der SJTU haben sich in diesen Jahren sehr rasch entwickelt, eben weil die Forschungsfelder stetig erweitert wurden; zugleich ermutigen und unterstützen wir, die wir in den USA eine ordentliche Professur erreicht haben, nach der Rückkehr das stetige Wachstum junger Menschen, sodass eine vergleichsweise gute Atmosphäre entsteht.

Einige weitere Gespräche

Frage: Kommen Sie häufig nach Deutschland zu Tagungen, und ist der Austausch mit hier eng? Jin: In Deutschland war ich schon viele Male; wir haben ein festes akademisches Austauschforum. Auch nach Frankreich in Europa reise ich viel, etwa an die École normale supérieure in Paris. Auch Deutschlands mathematische Grundlagen sind sehr gut; die Universität Göttingen war beispielsweise einst das Zentrum der Naturwissenschaften der Welt. Frage: Sind Sie mit Ihren Lebensentscheidungen der vergangenen Jahrzehnte zufrieden, und haben Sie noch Wünsche? Jin: Ich finde, ich habe eine Arbeit gewählt, die mich interessiert; die wissenschaftliche Forschung ist für mich eine sehr gute Wahl. Künftig werde ich meine Hauptkraft auf den Aufbau des Fachbereichs Mathematik der SJTU und die Nachwuchsförderung verwenden. Ich hoffe, dass junge Talente stetig wachsen; Alumni, die nach China zurückkehren und sich an einer Hochschule entwickeln möchten, können sich gerne mit mir in Verbindung setzen, und ich kann ihnen gewisse Ratschläge geben.
SJTU Alumni-Verein Deutschland 31. Januar 2013